1. Abrahamsfest Marl Kreis Recklinghausen

www.abrahamsfest-marl.de                                                                            16.11.2019

  

  

 

Bericht: Judith Neuwald-Tasbach: „Frieden in Nachbarschaft und Welt – aus jüdischer Sicht“

Dieses war ein eindringlicher, lebendiger und erschreckend aktueller Abend. Die Referentin Judith Neuwald-Tasbach wurde 1959 in Gelsenkirchen als Tochter von Überlebenden des Holocaust geboren. Seit 2007 ist sie Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen, Gladbeck und Bottrop. Sie ist eine der bekanntesten jüdischen Persönlichkeiten hierzulande mit viel Erfahrungen und Vertrauen in christlichen und auch in muslimischen Gemeinden.

Sie schilderte: Seit dem Terroranschlag in Halle/Saale am 9.Okt. 2019 dem jüdischen Fastentag Jom Kippur ist die dramatische innenpolitische Vergiftung und der wachsende Antisemitismus offenkundig. Sie schilderte die vielfältigen Ausdrucksformen von Antisemitismus. Nach der Nazi-Diktatur 1945 waren es Menschen wie ihre Eltern in Gelsenkirchen oder Rolf Abrahamsohn in Marl, die – als Überlebende – sich entschieden, in Deutschland sowohl die Demokratie wie auch jüdische Gemeinden wieder aufzubauen. „Zu Bleiben statt auszuwandern – nach Israel oder USA/Canada/Neuseeland. Sie hatten Vertrauen und Zuversicht“. „Antisemitismus hat es immer gegeben. Aber der Terror in Halle/Saale muss ein Weckruf sein. Er bedroht nicht nur uns Juden sondern uns alle in unserer Demokratie“. In der Weimarer Republik habe es um 1930 einen „Kipp-Punkt“ gegeben, von wo an die damaligen Nazis immer offensiver wurden und Debatten umdrehten und öffentliche Räume besetzten. „Heute hat jeder Verantwortung. Jedes Schulkind sollte wenigstens eine Gedenkstätte besuchen als Pflichtteil und als Teil der deutschen Geschichte“. Sie schilderte die wachsende Verrohung auf Schulhöfen, beim Stammtisch, sowieso in bestimmten sozialen Medien. Sie schilderte auch einen „stillen Antisemitismus“ – auch in „besseren Kreisen bei Festessen“, gegen erkennbare  Juden in Geschäften. „In den jüdischen Gemeinden stärken wir das Selbstbewusstsein“. „Und Respekt das Geheimnis vom Miteinander in unserm Land“.

Die Diskussion drehte sich um die Frage, was zu tun sei. Wichtig sei auch zu wissen, so die Referentin: „Seit 1700 Jahren gibt es Judentum in Deutschland“. „Der Polizei Hass melden“. „Statt zu schweigen deutlich dagegen halten, wenn Andere verachtet werden“. „Im Schulunterricht Religionen lehren und lernen, wie man auch Mathe und Deutsch lernen muss.“ „Auch Hass gegen Muslime ist entgegenzutreten. Denn Rassismus vergiftet und bedroht alle“.

Judith Neuwald-Tasbach ist eine überzeugende und mitreißende Erzählerin. Sie erzählt Geschichten statt sozialwissenschaftliche Analysen vorzutragen. Unvergesslich, wie sie eingangs anhand von Cornelia aus Siebenbürgen und Kurt aus Gelsenkirchen ihre Familiengeschichte erzählte – in guten und in fürchterlichen Zeiten. Sie spricht frei, schaut ins Publikum und setzt ihre Pointen, z.B. „In Erinnerung an die schlechten Zeiten schaffen wir eine bessere Zukunft“.

Ein musikalischer Input rundete diese gelungene Veranstaltung ab: Die Schwestern Lari mit ihrer Freundin – diese drei beweisen immer wieder die musikalische Kraft in der Jüdischen Kultusgemeinde Kreis Recklinghausen.

Bei jedem Abrahamsfest gibt es eine Kooperationsveranstaltung mit der VHS „die insel“ Marl. Dieser aufrüttelnde Abend war „schicksals-artig“ „gefügt“ 3 Wochen nach dem Terror in Halle gegen die Synagoge mit dem jüdischen Friedhof und gegen die türkisch-muslimisch stämmige Döner-Gaststätte. Voriges Jahr sprach in diesem Kooperationsformat der muslimische Theologe Milad Karimi, Professor am Zentrum für Islamische Theologie Münster/W. Nächstes Jahr ist wieder eine christliche Persönlichkeit an der Reihe. Jährlich wechseln die drei abrahamitischen Religionen und es wird jeweils zum Jahresthema des laufenden Abrahamsfestes Stellung bezogen, so in diesem Jahr eben aus jüdischer Sicht zu „Frieden – der Kulturen, Religionen und Völker“. Der diesjährige Schirmherr Lorenz Beckhardt (Köln-Bonn) -  selber Jude - sprach kürzlich in Marl und hat sich zum Gastmahl im Rathaus am 11.Dez. 2019 18 – 21 Uhr angesagt.

Gez. Hartmut Dreier

 

 

Marl, 9.Oktober 2019

Christlich-Islamische Arbeitsgemeinschaft/19.Abrahamsfest Marl (www.ciag-marl.de sowie: abrahamsfest-marl.de)

Erklärung  zum Terror in Halle/Saale: Hass tötet – Hass überwinden

Am höchsten Jüdischen Feiertag  Jom Kippur am Mittwoch, 9. Oktober 2019, hat ein Rechtsextremistischer Mann in Halle an der Saale Menschen getötet und schwer verletzt, dazu hat er Stadt und Land  in Schrecken versetzt mit Wirkung weltweit. Der Täter kam in kriegerischer Armeeuniform, mit Granaten, Gewehr, mit Brandsätzen und er filme sein Verbrechen mit einer Helm-Kamera. Seine „Botschaften“  gegen Juden, gegen Frauengleichberechtigung und gegen Ausländer  erschrecken zutiefst. Sein Wüten an der Synagogentür und am Tor des jüdischen Friedhofes sowie sein Morden  anschließend im Döner-Restaurant sind entsetzlich.

Die Tür zur Synagoge war durch die jüdische Gemeinde von innen gesichert, sonst wäre es zu einer noch schlimmeren Bluttat  gekommen. Die Polizei kam offenbar recht spät.

Kann ein Einzelner das alles vorbereiten und anrichten? 

Längst sind die Hass erfüllten Worte auch hierzulande unerträglich. Sie erfüllen sogar Parlamente. Worte führen zu Taten. Das sollte uns alle erschrecken und warnen. Erst recht vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte!

Jom Kippur ist ein Tag des Fastens, der Besinnung und Versöhnung.

Wir bemühen uns hier am Ort um Besinnung, gute Nachbarschaft, Respekt und Zusammenarbeit – seit 1984 in der CIAG Marl (=Christlich-Islamische Arbeitsgemeinschaft Marl),seit 2001 im jährlichen Abrahamsfest der Juden, Christen und Muslime – mit vielen besonnenen Menschen, mit Jung und Alt. Daran halten wir fest und verbreitern weiterhin und verstärkt Nachbarschaft, Freundschaft und Zusammenarbeit. Entsprechend dem Leitthema des diesjährigen 19. Abrahamsfestes 2019: „Frieden – der Kulturen, Religionen und Völker“

Gez. Die drei Sprecherinnen, Monatsplenum am 9.Okt. 2019

www.ciag-marl.de/abrahamsfest-marl.de