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Kategorie: Uncategorised
  1. Februar 2018

Ob Karnevalsmuffel oder nicht – wenn’s koschere Kamellen gegen Antisemitismus und Islamophobie regnet, lohnt es sich, die Hände aufzuhalten.

In Düsseldorf sind Juden und Muslime ziemlich beste Freunde – und das ist keine Selbstverständlichkeit. Während sich muslimische und jüdische Gemeinden andernorts misstrauen, spielen die Düsseldorfer Imame und Rabbiner zusammen Fußball und trinken Tee gegen Populisten. An diesem Rosenmontag fährt sogar Dalinc Dereköy, Vorstandvorsitzender des Kreises der Düsseldorfer Muslime (KDDM), auf dem Karnevalswagen der jüdischen Gemeinde mit.

»Hier in Düsseldorf leben wir auf einer kleinen Insel der Glückseligkeit«, kommentiert Michael Szentei-Heise, Verwaltungsdirektor der jüdischen Gemeinde, die gute Beziehung. Ihn und Dereköy verbindet eine tiefe Freundschaft, in der es auch manchmal knallt. Ich habe mit den beiden über jüdische Jecken, Anfeindungen zwischen Juden und Muslimen und ihren Kampf gegen die Europafeindlichkeit gesprochen. Und darüber, wie der eine den anderen vor Karneval hereinlegte.

Michael Szentei-Heise (63) blickt vom ersten Karnevalswagen der jüdischen Gemeinde Düsseldorf. Am Rosenmontag werden 24 weitere Gäste mit ihm dort oben stehen, unter ihnen auch Joachim Stamp, der stellvertretende NRW-Ministerpräsident. – Quelle: Juliane Metzker copyright

Herr Szentei-Heise, warum ist auf dem ersten jüdischen Karnevalswagen in der Geschichte der Dichter Heinrich Heine abgebildet?

Michael Szentei-Heise: Auf dem Karnevalszug 2017 gab es mehrere Wagen, die das Luther-Jahr – 500 Jahre Reformation – zum Thema hatten. Ein weiterer zeigte dann Heinrich Heine. Da habe ich mich gefragt: Wieso klauen die unseren Heine? Das können wir auch. Heine ist ja nicht nur der berühmteste Sohn Düsseldorfs, er ist auch der berühmteste jüdische Sohn der Stadt.

Wie ernst ist Ihnen der Anspruch auf Heine?

Michael Szentei-Heise: Die Stadt Düsseldorf hat ein Problem damit, dass Heine Jude war – ich verweise auf den 15 Jahre andauernden Streit zur Benennung der Heinrich-Heine-Universität. Wir haben ein Problem damit, dass er später zum Christentum konvertierte. Also befinden wir uns mit unserem Anspruch in allerbester Gesellschaft – selbstverständlich mit einem Augenzwinkern.

Herr Szentei-Heise, Sie wollten unbedingt auch den Vorstand des Kreises der Düsseldorfer Muslime, Dalinc Dereköy, auf Ihrem Karnevalswagen haben …

Michael Szentei-Heise: Ich habe ihn da ein bisschen reingelegt. Ich rief ihn an und fragte: Sag mal Dalinc, hast du am 12. Februar schon etwas vor? Als er »nein« antwortete, hatte ich ihn und sagte: »Prima, dann hast du jetzt etwas vor.«

Dalinc Dereköy (39) ist seit 2012 Vorstandsvorsitzender des Kreises der Düsseldorfer Muslime. – Quelle: Dalinc Dereköy copyright

Wie haben sie reagiert, als sie feststellten, dass Sie sich einen Platz auf dem Karnevalswagen gesichert hatten?

Dalinc Dereköy: Ich habe gelacht und mir gedacht – ja, mein Gott, das mache ich mit. Ich ging davon aus, dass dort ein paar Tausend Menschen feiern werden. Als ich aber erfuhr, dass eine Million zum Umzug kommen werden, dachte ich: Worauf habe ich mich da bloß eingelassen?

Entgegen Ihrer DNA als Düsseldorfer Jong, Herr Dereköy, sind Sie kein begeisterter Karnevalist?

Dalinc Dereköy: Ich würde nicht auf jeden Karnevalswagen steigen. Wenn der Vorstandsvorsitzende des KDDM mit der jüdischen Gemeinde mitfährt, ist das ein besonderes Signal der Unterstützung und ein Zeichen dafür, dass die Zeiten sich geändert haben. In der Vergangenheit waren Juden vom Karneval ausgeschlossen.

Da wurde ein ganz bösartiger Antisemitismus zur Schau gestellt. – Michael Szentei-Heise

Michael Szentei-Heise: Wenn man an die Karnevalsumzüge in Mainz und in Köln während der Nazizeit zurückdenkt – da wurde ein ganz bösartiger Antisemitismus zur Schau gestellt. Das muss man sich einmal vor Augen führen: Schon 1923 hat das Kölner Karnevalskomitee die Teilnahme von Juden am Karneval verboten. 10 Jahre vor den Nazis – das ist schon ein Hammer!

»Sagt mal, habt ihr sie noch alle?!«

Gab es denn auch negative Reaktionen auf die Teilnahme am Karneval?

Michael Szentei-Heise: Im innerjüdischen Kreis gab es Gemeindevertreter, die gesagt haben: »Sagt mal, habt ihr sie noch alle?!« Ansonsten ist die Idee größtenteils positiv angekommen. Auch vom Zentralrat kam wohlwollende, amüsierte Unterstützung.

Dalinc Dereköy: Bei uns im Vorstand wurde Kritik geäußert, dass ich auf dem Karnevalswagen mitfahre. Aber die Pros haben überwogen. Die jüdische Gemeinde hat uns schon sehr oft unterstützt, allein deshalb ist meine Teilnahme auch ein Dankeschön.

Und die Kontras?

Dalinc Dereköy: An Karneval wird viel Alkohol getrunken. Theologisch gesehen ist es fraglich, ob man als Muslim an so einer Feier teilnehmen darf.

Alkoholgenuss ist im Judentum kein Problem, oder?

Michael Szentei-Heise: Es gibt ein jüdisches Fest – das Purimfest –, an dem wir uns auch wie an Karneval verkleiden. Zu Purim heißt es sogar, man solle so viel Alkohol trinken, dass man zwischen Gut und Böse nicht mehr unterscheiden kann.

1,3 Tonnen koschere Kamellen

Zumindest die Kamellen sind beidseitig konsumierbar.

Michael Szentei-Heise: Wir haben 1,3 Tonnen koschere Kamellen aus Israel liefern lassen. Das sind Fruchtbonbons, völlig vegan – ohne Gelatine, ohne tierische Bestandteile. Und deshalb auch für Muslime bedenkenlos zu konsumieren.

Woher kommt diese innige Zusammenarbeit der jüdischen und muslimischen Gemeinden in Düsseldorf?

Dalinc Dereköy: Wir haben einander auf Initiative der ehemaligen NRW-Landtagspräsidentin Carina Gödecke kennengelernt. Zuerst habe ich mich mit Wilfried Johnen, Geschäftsführer des Landesverbands der jüdischen Gemeinden von Nordrhein, angefreundet, der mich dann mit Michael vernetzte. Zwischen uns dreien hat einfach die Chemie gestimmt. Darüber haben sich auch unsere Gemeinden angenähert.

Michael Szentei-Heise: Hier in Düsseldorf leben wir auf einer kleinen Insel der Glückseligkeit. Wir sind im ständigen Austausch. Im Mai findet jedes Jahr ein Fußball-Turnier statt: Priester gegen Imame. Meistens ist unser Rabbiner der Schiedsrichter.

Das klingt nach Harmonie pur …

Dalinc Dereköy: Wenn man gemeinsam betroffen ist, schweißt das zusammen. Insbesondere als Dügida jeden Montag auf der Düsseldorfer Adersstraße demonstrierte. Dort steht eine kleine marokkanische Moschee und ein paar Meter weiter befinden sich viele Stolpersteine. Früher war das ein jüdisches Geschäftsviertel. In der Reichspogromnacht wurden viele jüdische Mitbürger von dort verschleppt oder ermordet. Herr Johnen und ich meldeten eine Gedenkveranstaltung für die Opfer von damals an. Am Ende trafen wir uns vor der Moschee, tranken Tee und setzten gemeinsam ein Zeichen gegen Dügida.

Konfetti und koschere Kamellen gibt es für alle, an denen der jüdische Wagen mit der Nummer 6 beim Düsseldorfer Rosenmontagsumzug vorbeirollt. – Quelle: Pxhere CC0

Woher kommt der Antisemitismus?

Wie schauen Ihre Gemeinden in Düsseldorf auf den politischen Aufstieg des rechten Rands?

Michael Szentei-Heise: Mit großer Sorge. Ich habe gerade eine sehr bösartige E-Mail von einer AfD-Sympathisantin bekommen. Der Gedanke, dass jetzt im Bundestag mit 13% eine rechte Partei sitzt, finde ich geradezu entsetzlich. Das ist keine Entwicklung, die wir gutheißen. Wir können wirklich nur den Kopf schütteln über so viel Kurzsichtigkeit der Wähler.

»Wird sich die Geschichte wiederholen?« – Dalinc Dereköy

Dalinc Dereköy: Als Dügida demonstrierte, haben mich sehr viele Jugendliche in der Moscheegemeinde gefragt: Wird sich die Geschichte wiederholen? Unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit werden jetzt Dinge gesagt, die man vor 20 Jahren nicht für möglich gehalten hätte. Islamfeindlichkeit und Islamophobie sind salonfähig geworden und eine gewisse Partei in Landtagen und im Bundestag bestärkt dies.

Trotzdem sehen Sie, Herr Szentei-Heise, Anfeindungen gegen Juden an anderer Stelle zunehmen?

Michael Szentei-Heise: Wir sehen das Problem, dass jüdische Schüler – und davon gibt es an jedem Gymnasium vielleicht einen oder zwei – von muslimischen Mitschülern massiv gemobbt werden . Wir haben vor anderthalb Jahren den Betrieb des Albert-Einstein-Gymnasiums aufgenommen. Mittlerweile ist uns klargeworden, dass dieses auch einen Schutzraum für jüdische Schüler bietet.

Ist das tatsächlich eine religiös motivierte Feindlichkeit? Oder projiziert sich hier der Nahost-Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern?

Michael Szentei-Heise: Das ist überwiegend politisch motiviert und vermischt sich. Welcher Anteil bei den Individuen höher zu bewerten ist, sei dahingestellt.

Wie nimmt der Kreis der Düsseldorfer Muslime dazu Stellung?

Dalinc Dereköy: Alle unsere Moscheegemeinden haben sich den Regularien des KDDM verpflichtet. Wir verurteilen Antisemitismus und Islamophobie aufs Schärfste. Jugendliche, die das ausleben, kennen ihre eigene Religion nicht im Detail und projizieren den israelisch-palästinensischen Konflikt auf das Gegenüber.

Wenn Schüler ihre Mitmenschen wegen einer anderen Religion diffamieren, dann sollte die Schulleitung, aber auch die Glaubenseinrichtung dagegenwirken. Das geht nur durch Aufklärung. – Dalinc Dereköy, Vorstandsvorsitzender des KDDM

Da wir keine Lösung für den Nahost-Konflikt herbeizaubern können: Wie können sich Gemeinden in Deutschland gegen steigende interreligiöse Aggressionen einsetzen?

Dalinc Dereköy: Wir haben das Projekt »Klar im Kopf« zusammen mit der jüdischen Gemeinde initiiert. Wir wollen Lehrer für Mechanismen sensibilisieren, durch die sich Jugendliche radikalisieren. Das Projekt soll durch das Ministerium auf die gesamte Schullandschaft in Nordrhein-Westfalen übertragen werden.

Und was muss über die Arbeit in Schulen hinaus noch passieren, damit Anfeindungen gegen Juden und Muslime in Deutschland abnehmen?

Michael Szentei-Heise: In den Integrationskursen sollten sich Geflüchtete und Migranten aus muslimischen Ländern auch mit dem Holocaust auseinandersetzen. Es gibt den Vorschlag, dass für sie der Besuch eines Konzentrationslagers obligatorisch sein sollte . Die Diskussion an dieser Stelle ist eröffnet.

Dalinc Dereköy: Der Holocaust ist nicht nur ein Teil der deutschen Geschichte, sondern auch der Weltgeschichte. Das Gedenken und das gemeinsame Erinnern ist wichtig. Im KDDM ist beispielsweise auch die Moscheegemeinde der Sinti und Roma Mitglied, die auch Opfer des Holocaust waren. In Deutschland leben auch viele Bosniaken. Deshalb wäre es auch von Bedeutung, das Massengrab in Srebrenica zu besuchen, wo vor 22 Jahren Tausende Muslime abgeschlachtet wurden. Dieses gegenseitige Gedenken in Europa ist wichtig.

Das Wahrzeichen der Düsseldorfer, der bergische Löwe, linst in die Wiege von Baby Heinrich. – Quelle: Juliane Metzker copyright

Gegen die Europafeindlichkeit

Auf dem Wagen der jüdischen Gemeinde ist nicht nur Heinrich Heine abgebildet, sondern auch eine Krippe mit Europaflagge als Baldachin. Warum?

Michael Szentei-Heise: Weil ich im Augenblick – und ich wage diese freche Behauptung – von unendlich dummen oder bösartigen Menschen eine Europafeindlichkeit erlebe, die ich überhaupt nicht nachvollziehen kann. Ich bin in Ungarn großgeworden und mit 11 Jahren nach Deutschland gekommen. Seitdem genieße ich die Reisefreiheit und kann überhaupt nicht verstehen, wenn Staaten wie mein eigenes Heimatland oder Polen, aber auch bestimmte Gruppen innerhalb Deutschlands alles daransetzen, um das wieder zunichtezumachen. Dieses Europa hat mich geprägt und ich stehe voll dahinter.

Dalinc Dereköy: Das kann ich blind unterschreiben.

»Zwischen uns knallt es auch manchmal.« – Dalinc Dereköy

Sie sind die Spezialisten – was könnte jeder einzelne von uns tun, um mehr Gemeinschaft zu erzeugen, auch dann, wenn wir uns nicht einig sind?

Dalinc Dereköy: Man muss Empathie füreinander haben und sich in das Leid des anderen hineinversetzen, ohne seine eigene Position aufgeben zu müssen. Zwischen Michael und mir knallt es auch manchmal, weil wir unterschiedliche Meinungen vertreten. Es gibt in der Türkei ein Sprichwort: Freunde sagen einem die Wahrheit, auch wenn es wehtut.

Was werden Sie denn vom Karnevalswagen rufen?

Michael Szentei-Heise: »Helau« und »Schalom«!

Werden die Düsseldorfer auch ein »Salam« hören?

Dalinc Dereköy: »Schalom« ist hebräisch für »Salam« und heißt »Frieden«. Ich könnte auch »Salamu Aleikum« rufen. Ich weiß nur nicht, ob ich das in eine Partygemeinschaft hineinrufen sollte. Vielleicht rufen ja einige »Alaaf« – mal schauen, was dann passiert …

 

Quelle: https://perspective-daily.de/article/463/mJkSzjRn#/